Ein Kommentar
Die nackten Zahlen der aktuellen Haushaltsplanung für 2026/2027 lassen keinen Spielraum für Interpretationen: Die Stadt Wedel steckt in einer tiefen strukturellen Krise. Während das Eigenkapital im Jahr 2011 noch stolze 83 Millionen Euro betrug, steuern wir laut Prognosen bis 2030 auf ein Minus von 4,5 Millionen Euro zu. Gleichzeitig explodieren die Kassenkredite – allein 2025 stiegen die Zinsaufwendungen hierfür auf über eine Million Euro.
Ich habe mir die aktuellen Pläne der Verwaltung und der Politik angeschaut. Mein Fazit: Die ersten Schritte sind getan, aber wir kurieren bisher eher an den Symptomen, statt die Ursachen radikal anzugehen.
1. Der Status Quo: Woher kommt das Geld, wo geht es hin?
Um den Haushalt zu stützen, hat die Mehrheit der Politik schmerzhafte Entscheidungen getroffen. Die markanteste ist die Erhöhung der Grundsteuer B auf 630 % ab 2026. Dies bringt der Stadtkasse etwa 1,3 Millionen Euro jährlich ein – belastet aber jeden Haushalt in Wedel direkt oder indirekt über die Mietnebenkosten.
Gleichzeitig versucht die Verwaltung über eine „Globale Minderausgabe“ (eine 20%-Sperre auf Sach- und Dienstleistungen), das Defizit zu drücken. Das hat 2025 rund 2,76 Millionen Euro eingespart. Doch Vorsicht: Da etwa 75 % der städtischen Ausgaben durch Gesetze oder Verträge fixiert sind, stößt dieses „Sparen mit dem Rasenmäher“ bald an seine funktionalen Grenzen.
2. Die Analyse: Warum „Sparen nach Kassenlage“ nicht reicht
Das Hauptproblem ist die mangelnde Tiefe der bisherigen Aufgabenkritik. Wir müssen aufhören, nur zu fragen: „Wie können wir eine Aufgabe billiger erledigen?“ Wir müssen fragen: „Müssen wir diese Aufgabe überhaupt noch wahrnehmen – und wenn ja, in welcher Qualität?“
Die interne Leistungsverrechnung (ILV) zeigt uns zwar theoretisch, was Prozesse kosten, wird aber bisher kaum als echtes Steuerungsinstrument genutzt. Wenn wir wissen, dass die Beschulung eines auswärtigen Schülers am JRG nach Vollkostenrechnung über 2.700 Euro kostet, müssen wir diese Transparenz nutzen, um Standards zu hinterfragen und Kostentreiber zu identifizieren.
3. Neue Wege: Drei Impulse für ein echtes Konsolidierungskonzept
Um Wedel bis 2028 wieder auf Kurs zu bringen, reichen Steuererhöhungen nicht aus. Wir brauchen mutige, neue Ansätze:
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Interkommunale Zusammenarbeit (IKZ) „Plus“: Warum leistet sich jede Kommune im Kreis eigene Spezialisten für Vergaberecht, IT-Sicherheit oder Standesämter? Wedel sollte eine Vorreiterrolle einnehmen und gezielt Fachbereiche mit Nachbarkommunen oder dem Kreis Pinneberg verschmelzen. Das senkt nicht nur die Personalkosten, sondern löst auch das Problem des Fachkräftemangels.
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Die Digitalisierungs-Rendite: Digitalisierung darf kein teures Hobby sein. Jedes neue IT-Projekt muss eine messbare „Rendite“ abwerfen – etwa indem Prozesse durch KI oder Automatisierung so beschleunigt werden, dass freiwerdende Stellen nicht nachbesetzt werden müssen.
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Bürgerbeteiligung bei „Kann-Leistungen“: Kürzungen bei Sport, Kultur und Sozialem tun weh. Statt diese im Hinterzimmer zu beschließen, sollte die Stadt die Bürger einbinden: Wo können wir Prioritäten setzen? Wenn die Menschen verstehen, dass wir uns den „Gold-Standard“ nicht mehr leisten können, wächst die Akzeptanz für schmerzhafte, aber notwendige Streichungen bei freiwilligen Aufgaben.
4. Fazit: Transparenz schafft Vertrauen
Die Politik fordert zu Recht mehr Klarheit über die Kostenstrukturen. Ein monatliches „Konsolidierungs-Dashboard“, das den Fortschritt der 30 aktiven Projektgruppen zeigt, wäre ein wichtiger Schritt für das Vertrauen der Bürger.
Die Haushaltskonsolidierung ist kein einmaliges Projekt, sondern ein Marathon. Wir müssen Wedel abspecken, um die Stadt wieder beweglich zu machen. Das wird nicht ohne Konflikte abgehen, aber es ist der einzige Weg, um die Handlungsfähigkeit für kommende Generationen zu sichern.
Was denken Sie? Wo sollte die Stadt Wedel den Rotstift ansetzen und wo darf auf keinen Fall gespart werden? Diskutieren Sie mit!
Hintergrund: Fragen der Politik & Antworten der Verwaltung
Zur Vorbereitung des Haushalts 2026/27 hat die Politik detaillierte Fragen an die Fachbereiche gestellt. Hier sind die wichtigsten Punkte im Überblick:
Frage: Was bringt die Interne Leistungsverrechnung (ILV) für den Haushalt?
Antwort: Für die Wedeler Bürger hat sie keine direkten Auswirkungen auf den Gesamthaushalt. Sie ist jedoch entscheidend für die Abrechnung mit Dritten. Beispiel Johann-Rist-Gymnasium: Durch die ILV steigen die berechneten Kosten pro Gastschüler von ca. 878 € auf über 2.785 €. Ohne diese Verrechnung würde Wedel auf den Verwaltungskosten für auswärtige Schüler sitzen bleiben.
Frage: Wie entwickeln sich die Zinsen für unsere Kassenkredite (Dispo-Kredite)?
Antwort: Die Belastung steigt massiv. Waren es 2024 noch ca. 905.000 €, so liegen wir 2025 bereits bei über 1.029.000 €. Die Verwaltung hofft, dass dieser Betrag für 2026/27 ausreicht, was jedoch stark von der Zinsentwicklung und der Dauer der Inanspruchnahme abhängt.
Frage: Warum wird die Grundsteuer B auf exakt 630 % erhöht?
Antwort: Dies hat zwei Gründe: Zum einen müssen die Mindererträge durch die bundesweite Grundsteuerreform ausgeglichen werden. Zum anderen ist der Hebesatz notwendig, um den sogenannten „Nivellierungssatz“ des Landes zu erreichen, da Wedel sonst massive Nachteile beim kommunalen Finanzausgleich drohen (ca. 1,3 Mio. € Mehreinnahmen geplant).
Frage: Wie erfolgreich ist die „Globale Minderausgabe“ (20%-Sperre)?
Antwort: Im Jahr 2025 konnten dadurch ca. 2,76 Mio. € (8,4 % der relevanten Ansätze) eingespart werden. Die Verwaltung weist jedoch darauf hin, dass pauschale Kürzungen bei steigenden gesetzlichen Verpflichtungen zunehmend schwieriger umzusetzen sind.
Hinweis: Dies ist eine zusammenfassende Darstellung der offiziellen Antworten der Verwaltung auf die Anfragen der Fraktionen zum Haushalt 2026/27.