Zwei aktuelle Berichte im Hamburger Abendblatt zeigen uns in diesen Tagen sehr deutlich, wie eng wirtschaftlicher Erfolg und die Verfügbarkeit von Flächen in unserer Stadt miteinander verknüpft sind. Es ist eine Geschichte von verpassten Chancen der Vergangenheit, einer zähen Odyssee und einem wichtigen Hoffnungsschimmer am Elbufer.
Ein schmerzhafter Rückblick: Das Beispiel Secumar
Die Firma Secumar (Bernhardt Apparatebau) feiert 2026 ihr 100-jähriges Bestehen. Ein beeindruckendes Jubiläum für ein Familienunternehmen, das mit seinen Rettungswesten weltweit Standards setzt und Leben rettet. Doch während wir gratulieren, schwingt in Wedel auch Wehmut mit.
Bis 2004 war Secumar in der Wedeler ABC-Straße ansässig. Dass das Unternehmen heute im benachbarten Holm produziert, hat einen simplen, aber folgenschweren Grund: In Wedel fehlte der Platz zum Wachsen.
- Das Problem: Die Räumlichkeiten wurden für das expandierende Unternehmen schlicht zu klein.
- Die Konsequenz: Der Umzug ins Nachdorf Holm, wo man auf einem Hektar Fläche ein modernes Logistik- und Produktionszentrum errichten konnte.
Für Wedel bedeutete das damals den schmerzhaften Verlust eines "Hidden Champions", von wertvollen Arbeitsplätzen und erheblichen Gewerbesteuereinnahmen. Ein klassisches Beispiel dafür, was passiert, wenn eine Stadt keine Entwicklungsperspektiven für ihre Betriebe bietet.
Lichtblick: Neue Ansiedlungen im BusinessPark
Spulen wir vor ins Jahr 2026. Die Vorzeichen haben sich glücklicherweise geändert. Wie das Abendblatt aktuell berichtet, ziehen nun namhafte Hamburger Traditionsunternehmen nach Wedel, weil ihnen in der Hansestadt genau das passiert, was Secumar einst in Wedel erlebte: Es wird zu eng.
Die Firma Lippold, Spezialist für Hydraulik und Antriebstechnik, plant bis Ende 2029 den Umzug aus dem Hamburger Westen in unseren BusinessPark. Mit einer Investition von bis zu 12 Millionen Euro und rund 100 Arbeitsplätzen ist dies ein starkes Signal für den Standort. Auch die Sicherheitsfirma C.D. Büttner investiert Millionen in einen Neubau am Elbufer, um dort an modernster Drohnen-Technologie zu forschen.
Die Kehrseite: Eine 15-jährige Planungs-Odyssee
Wer heute auf den BusinessPark blickt, sieht trotz dieser Erfolge noch immer sehr viel freie Fläche. Dass 15 Jahre nach dem Erwerb des Geländes durch die Stadt erst ein Bruchteil der rund 180.000 m² vermarktet ist, hat Gründe, die wir kritisch benennen müssen:
- Juristisches Tauziehen: Der ursprüngliche Bebauungsplan (Nr. 88) wurde 2017 vom OVG Schleswig vorläufig außer Vollzug gesetzt. Rechtsunsicherheit ist der natürliche Feind jeder Investition. Hinzu kam die langwierige Auseinandersetzung mit dem konkurrierenden Hamburger Plan „Rissen 11“.
- Das Erbe der Industrie: Das Gelände des ehemaligen Mineralölwerks war kein einfaches Bauland, sondern eine ökologische Last. Bodenaustausch bis in 1,80 Meter Tiefe und permanente Grundwasserreinigung waren nötig – eine Mammutaufgabe, die enorme Zeit und Kosten verschlang.
- Politischer Konflikt & Naturgewalten: Hausgemachte politische Auseinandersetzungen bremsten den Fortschritt. Ereignisse wie die Sturmflut 2021, die frisch hergestellte Infrastruktur beschädigte, sowie eine volatile Weltwirtschaftslage erschwerten die Vermarktung zusätzlich.
Die politische Debatte
Ein Blick in die öffentlichen Quellen zeigt deutlich, wie tief die Gräben in der Wedeler Ratsversammlung bezüglich des B-Plans 88 (BusinessPark) waren:
Die politische Debatte: Wer war dafür, wer dagegen?
Die Kritiker und Ablehner (SPD, Grüne, Die Linke) standen der konkreten Ausgestaltung des B-Plans 88 sehr kritisch gegenüber. Während Die Linke den Plan wegen zu hoher Lärmgrenzen ablehnte und das spätere OVG-Urteil als „schallende Ohrfeige“ bezeichnete, bemängelten die Grünen Lärm, Verkehr und Dichte als „Desaster“. Auch die SPD stimmte in der entscheidenden Sitzung 2015 gegen den Plan und warnte davor, dass aus dem „Sahnestück“ ein „krümeliger Mürbeteig“ werden könnte.
Demgegenüber standen die Parteien, die den B-Plan getragen und verteidigt haben: CDU, FDP und WSI. Die CDU trug den Entwurfs- und Satzungsbeschluss konsequent mit und warb dafür, den BusinessPark geschlossen zu vertreten, um die wirtschaftliche Entwicklung Wedels zu sichern. Gemeinsam mit der FDP und der Wählergemeinschaft WSI bildete sie die Ratsmehrheit, die den B-Plan 88 als das richtige Instrument zur Entwicklung des Areals ansah und trotz der massiven Bedenken der Opposition durchsetzte.
Warum Vorratspolitik alternativlos bleibt
Trotz der berechtigten Kritik an der Dauer und den Kosten: Ohne den BusinessPark Elbufer stünde Wedel heute mit leeren Händen da. Wir könnten Firmen wie Lippold oder Büttner schlichtweg nichts anbieten.
| Status Quo BusinessPark | Zahlen & Fakten |
|---|---|
| Gesamtfläche (Bauland) | ca. 180.000 m² |
| Bisher verkauft/belegt | ca. 20.000 m² |
| In konkreter Verhandlung | ca. 15.000 m² |
| Investitionsvolumen Lippold | 9 - 12 Mio. € |
"Gewerbeflächen sind kein Selbstzweck. Sie sind der Garant dafür, dass Wedel keine reine Schlafstadt wird, sondern ein Ort, an dem gearbeitet, geforscht und investiert wird."
Die Geschichte von Secumar lehrt uns, was passiert, wenn man keine Flächen hat. Die Geschichte des BusinessParks lehrt uns wiederum, dass wir in Zukunft schneller, einiger und rechtssicherer planen müssen, damit aus 15 Jahren Entwicklung keine 30 werden.
Mein Fazit: Gewerbeflächen sind die Existenzgrundlage unserer Stadt. Wir müssen die Vermarktung jetzt mit aller Kraft vorantreiben, bürokratische Hürden abbauen und zeigen, dass Wedel ein verlässlicher Partner für die Wirtschaft ist. Der "Sog" aus Hamburg ist da – wir müssen ihn nur endlich konsequent nutzen.