Ein Vorfall am Rande des letzten Haupt- und Finanzausschusses zeigt anschaulich, wie unterschiedlich man in der Wedeler Kommunalpolitik mit kleinen Alltagsproblemen umgehen kann. Ein kurzes Lehrstück über echte Hilfe und digitale Schaufensterpolitik.
Stellen Sie sich einmal folgendes Szenario vor: Sie sind Vorsitzender einer politischen Gruppierung, die aktuell noch nicht in unserem Wedeler Rat vertreten ist. Ihr erklärtes Ziel ist es aber, das bei der nächsten Kommunalwahl unbedingt zu ändern. Dementsprechend haben Sie sich Bürgernähe und Transparenz ganz groß auf die Fahnen geschrieben.
Es ist Montagabend, kurz nach halb acht. Der Haupt- und Finanzausschuss (HfA) tagt gerade öffentlich im Rathaus. Normalerweise wären sie als Einwohner bei der Sitzung. Heute nicht.
Da klingelt Ihr Telefon. Ein Bürger ist am Apparat und berichtet Ihnen, dass er gerne als Zuhörer an der Sitzung teilnehmen möchte, aber leider vor verschlossenen Rathaustüren steht. Das ist zweifellos ein ärgerlicher Umstand, der so nicht sein sollte und der schnellstens behoben werden muss, damit die Öffentlichkeit der Sitzung gewahrt bleibt.
Nun stehen Sie vor einer Entscheidung. Wie helfen Sie dem Bürger in dieser Situation am besten?
Option A: Der pragmatische Weg
Da sie normalerweise mit ihrem Stellvertreter im Ausschuss anwesend sind, wäre es ja einen Versuch wert, ihn kurz anzurufen. Er geht die paar Schritte zur Tür, lässt den Bürger herein und gibt der Verwaltung freundlich den Hinweis, dass der Haupteingang offenbar versehentlich ins Schloss gefallen ist. Problem gelöst, der Bürger sitzt im Warmen, die Transparenz ist sofort wiederhergestellt. Zeitaufwand: zwei Minuten.
Option B: Der theatralische Weg
Sie lassen den Bürger draußen im Dunkeln stehen. Stattdessen greifen Sie in die Tasten und verfassen noch während der laufenden Sitzung einen flammenden, langen Facebook-Beitrag für die lokale Wedel-Gruppe. Darin stellen Sie dramatische Fragen zur Gültigkeit von Beschlüssen, fordern kommunalrechtliche Konsequenzen und philosophieren bedeutungsschwanger darüber, dass Transparenz doch „an der Rathaustür beginnt“.
Schaufensterpolitik statt Problemlösung
Sie ahnen es wahrscheinlich schon: Letzten Montagabend hat sich besagter Vorsitzender zielsicher für Option B entschieden.
Das ist zweifellos ein wunderbarer Weg, um schnelle Klicks, Likes und Applaus in den sozialen Medien zu generieren. Man kann sich wunderbar als einziger Wahrer der Demokratie inszenieren. Ob es dem Bürger, der in diesem Moment vor der Tür stand und eigentlich nur an der Sitzung teilnehmen wollte, auch nur ansatzweise geholfen hat, darf man allerdings getrost bezweifeln.
Genau diese kleine Episode zeigt für mich sehr anschaulich den Unterschied zwischen lauter Schaufensterpolitik im Internet und echtem, lösungsorientiertem Handeln in der Realität. Kommunalpolitik bedeutet eben manchmal auch einfach, pragmatisch zum Hörer zu greifen und eine Tür aufzumachen, statt im Netz aus einem versehentlich geschlossenen Eingang sofort einen handfesten Skandal stricken zu wollen.